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Michael Jackson ist nicht gut

 

Gestern habe ich kurzentschlossen Michael Jackson besucht. Er hatte mich angerufen, weil er jemanden zum Reden brauchte. Also habe ich mich spontan in den Flieger gesetzt und meinem Piloten gesagt: "Mach 'ne Fliege, Ralf. Wir müssen zu Michi. Dem is nich gut."

Als ich zwei Stunden später bei Michael klingelte und er mir die Tür öffnete, wurde mir das Dilemma auch schlagartig offenbar. Vor mir stand nicht der millionenschwere Popstar, der es selbstbewußt mit der ganzen Welt aufnehmen könnte. Vor mir stand der millionenschwere Popstar, dem ich es nicht mal mehr zutraute, es mit den Jakob-Sisters aufzunehmen. Er sah wirklich scheiße aus. Und so flossen auch gleich wilde Tränen, als ich meinen alten Kumpel in die Arme schloß. Nachdem sich die ersten Sturzbäche gelegt hatten, tingelten wir in seine Bibliothek. Micky-Maus-Zimmer wäre die bessere Bezeichnung. Alles voller lustiger Taschenbücher und noch eingeschweißten Micky-Maus-Erstausgaben, die er mir als seine Lebensversicherung vorstellte.

Wir ließen uns auf seinen mondänen Kalbslebersesseln nieder und ich sagte: "Komm, Michi. Raus mit der Sprache. Was ist los? Daß es Dir nicht gut geht, kann ich an Deiner Nasenspitze ablesen." Michael holte gerade tief Luft, um mir seine Probleme zu thematisieren, da klingelte es an der Tür und er entschuldigte sich, um die Bibliothek in Richtung Haustür zu verlassen. Ich nutzte die entstandene Freizeit und blickte aus dem Fenster in den Garten, wo ich seine Plattenbausammlung begutachten konnte. Er hatte mir in einem früheren Telefonat berichtet, daß er kurz nach Fall des Sozialismus in Europa die Gelegenheit genutzt hatte, um seine umfangreiche Kollektion von Plattenbauten aufzustocken.
Als sich die Tür der Bibliothek wieder öffnete war ich leicht überrascht. Prince, the Artist formerly known as the Artist war unerwartet auf einen Plausch vorbeigekommen. Auch er hatte anscheinend nicht damit gerechnet, mich hier anzutreffen und fiel mir kreischend um die Hüfte.

Da saß ich nun also mit der Königsfamilie des Popbusiness. Der King und sein Prince. Michael redete sich seine Sorgen von der Seele, während Prince und ich an unseren Schokoladencocktails nippten. Zeitweise konnten wir uns bei Michis Geschichte ein Lächeln nicht verkneifen, was uns im ersten Moment unangenehm war, doch später lachten wir einfach lauthals drauf los. Auch Michael war irgendwann wieder bester Laune und bot uns sogar seine neueste Tanzkreation dar. Den 'Nordic Walk'.
Da auch irgendwann der stärkste Fritz von Müdigkeit übermannt wird, sah ich mich gezwungen, die lustige Runde aufzulösen und verabschiedete mich mit den Worten: ’Micha, wenn Du mal in Essen bist, komm einfach vorbei. Und lass Dich nicht verrückt machen, Du kleiner Naseweiß!’ Ich bot Prince an, ihn noch kurz nach Hause zu fliegen und landete um halbvier Uhr morgens wieder in meinem Schloßgarten.

Als ich mein Büro betrat, sah ich meinen Anrufbeantworter blinken. Ich drückte die Abspieltaste und vernahm das jämmerliche Schluchzen einer jungen Frau. Ich dachte kurz nach, erklärte mich dann aber für zu erschöpft, um mich heute noch mit diesem Problem zu befassen. Britney mußte bis morgen warten. Ich legte mich in mein Salzwasserbett und träumte von kleinen Äffchen.



 
     
 

 

Britney Spears und der unhaltbare Stuhl

 

Heute saß Britney Spears bei mir in der Küche und hat zwei Rollen Papiertücher vollgeheult. Ich hatte sie einfliegen lassen, weil ich nach meinem gestrigen Besuch bei Michael Jackson noch unter einem extremen Jetlag litt und nicht schon wieder so eine beschwerliche Reise auf mich nehmen wollte.
Nachdem Ralf, mein Pilot, mit Britney im Gepäck meinen Garten belandet hatte, habe ich ihn nach Hause geschickt. Er soll sich mal richtig ausschlafen und für Britney habe ich schon eines der Schlafzimmer hergerichtet. Sie kann gerne über Nacht bleiben. Momentan ist sie im Bad und putzt sich hoffentlich die Zähne, damit sie endlich schlafen gehen kann. Sie hätte schon vor einer Stunde im Bett sein sollen - aber wie Kinder so sind.

Als sie aus meinem Flieger stieg, mußte ich Britney stützen, um sie wohlbehalten in mein Schloß bringen zu können. Sie hatte bei ihrem gestrigen Anruf nicht untertrieben. Ich hatte es erst für hypochondrisches Aufmerksamkeitsleiden gehalten, aber ihr schien es wirklich dreckig zu gehen. Und als ich sie in meinem Wohnbereich auf der Frottee-Couch platzierte, roch ich auch schon das Übel. Sie konnte ihren Stuhl nicht halten.

Um meine Couch nicht unnötigen Gefahren auszusetzen, verfrachtete ich Brit kurzerhand in die Küche, wo sie sich auf einem Marmorsessel niederlassen konnte. Ich hatte alle Mühe, sie in das Hier und Jetzt zurückzuholen. Sie war vollkommen abwesend und hatte milchglasige Augen, was ich auf übermäßigen Drogenkonsum zurückführte. Gestern hatte ich in einer Pressemitteilung gelesen, daß Brit und ihre vermeintliche Freundin Paris, Gerüchten zufolge, zu tief ins Koksglas geschaut hätten. Hier saß der Beweis und stank vor sich hin. Mir war es etwas unangenehm, die Dunstabzugshaube zu aktivieren, aber angesichts der Umstände, und da Britney sowieso nichts mitbekam, drückte ich den Schalter und es klarte etwas auf.

Erst jetzt schien sie mich wirklich wahrzunehmen und schon sprudelte es aus ihr heraus. Vermutlich hatte sie schon lange nicht mehr die Möglichkeit gehabt, über ihr Seelenleben zu reden. Sie weinte und erzählte von ihrer nicht gelebten Kindheit und wie sehr sie sich wünschte, noch einmal Kind sein zu dürfen, um all das Verpasste nachzuholen. Ich konnte es nicht fassen. Die gleiche Leier, die ich mir auch gestern schon bei Michael anhören mußte. Ich erwiderte, daß ich mittlerweile 34 Jahre alt, immer noch Kind sei, und mit der täglichen Angst leben müsse, die komplette Erwachsenenzeit zu verpassen. Dann stellte ich ihr die Aufgabe, darüber nachzudenken und zu entscheiden, was denn schlimmer sei.
Während Britney, in ihrem eigenen Stuhl sitzend, über ihre beschissene Nichtkindheit nachdachte, ging ich ins Kinderzimmer und spielte mit Pebbles dem XXIV. eine Partie Schach. Michael hatte ihn mir gestern mitgegeben, damit er bei mir deutsch lernen kann. Aus pädagogischen Gründen ließ ich Pebbles gewinnen, indem ich schon beim dritten Zug meine Dame opferte.

Als ich nach einer Stunde in die Küche zurückkehrte, war ich wahrlich erstaunt, daß Brit sich so schnell erholt hatte. Anscheinend hatte pures Denken ihr geholfen. Sie wirkte erleuchtet und hatte schon ihre beschmutzte Wäsche in der Geschirrspülmaschine zur Reinigung freigegeben. Innerlich schlug ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn, aber ich vermied es, sie für die bevorstehende Wasserrohrverstopfung verantwortlich zu machen. Sie konnte nichts wissen.
Ich legte ihr ein Geschirrhandtuch um den nackten Körper, der etwas fülliger wirkte, als noch zu Oops-Zeiten und schickte sie ins Bad, um sich bettfertig zu machen. Das war vor anderthalb Stunden. Zwischenzeitlich machte ich mir leichte Sorgen und horchte an der Badezimmertür. Es machte den Eindruck, als würde sie sich mit ihrem Spiegelbild über Delphine, Einhörner und leicht bekleidete Feen unterhalten. Ich beschloß, sie nicht zu stören und zog mich in mein Büro zurück. Britney hat eine ganze Kindheit mit sich zu besprechen.

Nun sitze ich vor meinem Computer und studiere die eingegangenen Nachrichten der letzten 24 Stunden. Größtenteils Hilferufe aus der sogenannten B-Promi-Welt. Eine Notfallmeldung läßt mich allerdings nicht los. Sie kommt von einem meiner großen Jugendhelden, den ich bislang nie persönlich kennenlernen durfte. Ich hatte mir immer gewünscht, ihn auf seine Frisur ansprechen zu können.
Wenn Ralf ausgeschlafen ist, soll er sogleich den Flieger startklar machen. Morgen besuche ich David Hasselhoff.



 
     
 

 

David Hasselhoff und die Frau im Manne

 

Ich sitze in einem Mohairsessel und tippe per Zehnfingersystem auf der Tastatur meines Schoßcomputers herum. Die mich umgebende Hülle besteht aus Jet. Im Cockpit hat Ralf wie immer alles im Griff und meldet sich alle fünf Minuten über die Sprechanlage, um zu bestätigen, daß er alles im Griff hat. Ihm macht es Spaß und ich habe mich mittlerweile so sehr daran gewöhnt, daß ich unruhig werde, wenn ich sechs Minuten lang nichts von Ralf höre.

Als wir heute morgen die Startbahn in meinem Schloßgarten verliessen, war ich voller Vorfreude, endlich David Hasselhoff kennenlernen zu dürfen. Ich stellte mir vor, wie ich mit Dave und K.I.T.T. durch die Gegend heize und wir einfach so zum Spaß auf die Ladefläche eines vor uns fahrenden LKWs springen. Wir würden dann nach Malibu fahren und dort mit roten Schwimmhandtaschen halbnackt am Strand entlang laufen.
Ich hatte sich entpuppende Schmetterlinge im Bauch, weil ich dachte, ein Kindheitstraum könnte heute in Erfüllung gehen. Doch es kam alles ganz anders.

In einer gutbürgerlichen Wohngegend irgendwo in Florida stand ich vor einem Haus, das zu der Adresse passte, die David in seiner Notruf-Mail angegeben hatte. Der Garten, den man durchqueren mußte, um zur Haustür zu gelangen, war völlig heruntergekommen. Gestreifte Bonsaikatzen hatten sich eingenistet und ein Rattenmassengrab angelegt. Es erzeugte eine unangenehme Geruchsmischung aus Katzenurin und verwesenden Nagern. Ich betätigte die Klingel, die krickelig mit ’Mitch’ beschriftet war und vernahm leichtes Poltern aus dem Innern des Hauses. Nach fünf Minuten schien sich die Türklinke zu bewegen. Als die Haustür dann langsam begann, sich zu öffnen, hatte meine Aufregung ihren Höhepunkt erreicht und implodierte in dem Moment, als ich David Hasselhoff in seine schielenden Augen blickte.

Offensichtlich hatte Dave getrunken, und zwar nicht zu wenig. Er freute sich, mich zu sehen, allerdings konnte ich aus seinen Äußerungen nur die Worte ’Fuck’ und ’Bullshit’ heraushören. Ich wußte, daß ich dies nicht persönlich nehmen durfte, sondern es als Ausdruck seiner überschwenglichen Freude verbuchen konnte. Er machte einen völlig übertriebenen Diener und deutete mit dem Arm, an dessen Ende sich eine halbvolle Jim-Beam-Flasche befand, auf den Innenbereich. Ich verstand es als Aufforderung, einzutreten und machte mich auf, die Hasselhoffsche Wohnlandschaft zu erkunden.

Aus dem Raum, der am Ende des länglichen Hausflures lag, drang aufdringlich laut die Stimme meines Gastgebers. David hörte gerade seine eigene CD auf maximaler Lautstärke. Ich war mir nicht bewußt gewesen, daß er jemals auf deutsch gesungen hatte, konnte das Lied aber als einen alten Peter Maffay-Schlager identifizieren. Es schien sich gerade um den Refrain zu handeln und wenn ich mich richtig erinnere, ging der ungefähr so: "Du bist alles, was ich habe auf der Welt, Du bist alles, was ich will. Du-u-hu, du allein kannst mich versteh’n, Du-u-hu, du darfst nie mehr von mir geh’n." Kein Kommentar.
Dann war der Song zuende und es entstand eine Stille, die sofort Unbehagen in mir auslöste. Ich beeilte mich, das Sofa im Wohnzimmer zu erreichen, konnte im Vorbeigehen aber einen Blick in den Raum zu meiner Rechten werfen, der vielleicht mal sowas, wie eine Küche darstellen sollte. Jetzt machte er eher den Eindruck eines Autofriedhofs. Nur, daß hier keine Autos im Todesschlaf lagen, sondern Berge von dreckigem Geschirr, Pizzakartons und leeren Flaschen. Aus einer Deckennische glotzte mich ein Rudel Spinnen an, die mich zu verfluchen schienen, weil ich in ihr Hoheitsgebiet eingedrungen war.

Das Sofa fühlte sich etwas versessen an, bot mir aber die Möglichkeit, als solarer Fixpunkt die restliche Wohnzimmergalaxie per Blick um mich herumkreisen zu lassen. In meinem direkten Sichtkegel befand sich ein Fernseher, der nicht nur ein flaches Bild, sondern auch ein flaches Programm lieferte. Tonlos bekämpften sich minderbemittelte Jungfrauen in einem bewährten Talkshow-Rahmen. Meine Augen wanderten weiter über spärlich bevölkerte Bücherregale, Bilder von ausdruckslosen Fischen, die im Schwarm in viel zu blauem Wasser schwammen, sowie diverse Sportpokale und eine scheinbar defekte Jukebox. Die CD, die mich lockte, steckte jedenfalls in einer Kompaktanlage, die noch auf ihrer eigenen Folienverpackung stand. Mein Blick verfing sich letztlich wieder in David, der gerade ansetzte, die Whiskyflasche restlos zu leeren.

Ich ergriff die Initiative und forderte Dave auf, sich zu setzen und mir zu erzählen, was ihm auf dem Herzen lag. Es dauerte einige Minuten, bis er eine für sich akzeptable Sitzhaltung gefunden hatte, doch dann kam eine Leidensgeschichte, wie ich sie nicht erwartet hatte.

David begann lallend, von seinen Dreharbeiten für Baywatch zu berichten. Die Konfrontation mit den ganzen Rettungsschwimmer-Hasen hatte ein Kindheitstrauma in ihm ausgelöst. Da seine Beine zwei Drittel seiner Körperlänge in Anspruch nahmen, war ihm schon frühzeitig prophezeit worden, daß er eine wunderschöne Frau hätte werden können, aber eine Zukunft als attraktiver Mann wäre wohl kaum in Erwägung zu ziehen. Dave träumte seit frühester Kindheit davon, ein weibliches Top-Model zu werden. Allein, es blieb ihm versagt.
Ich war einigermaßen schockiert, weil ich ihn immer als die Verkörperung des perfekten amerikanischen Mannes gesehen hatte. Um ihm zu zeigen, daß ich sein Problem sehr ernst nahm, versuchte ich, ihm die Nachteile eines gewöhnlichen Frauenlebens aufzuzeigen. Mit der Lästigkeit des Beinerasierens brauchte ich ihm allerdings gar nicht erst zu kommen, da er dies sowieso jeden zweiten Tag zu tun pflegte. Das wußte ich aus einschlägigen Herrenmagazinen. Ich beschränkte mich also auf allgemein Negatives und sprach von Schuhneid, Schminkzwang, Laufmaschen und Arachnophobie. Mit dem letztgenannten Begriff konnte David nichts anfangen, schrieb ihn aber der Hals-Nasen-Ohren-Medizin zu, was großen Eindruck bei ihm hinterließ.

Ich diagnostizierte eine heftige feminine Depression, die daher rührte, daß Frauen grundsätzlich Suizidgedanken hegen, wenn es in ihrer Küche aussieht, wie in einem Bahnhofsscheißhaus. Also riet ich ihm, seinen Lebensmittel- und Kochbereich auf Vordermann zu bringen, die Fischbilder abzuhängen und sich ein Aquarium mit mokkafarbenen Seepferdchen anzulegen. Dann würde sich schon alles von selber regeln. David schien begeistert von meinem Vorschlag und stürzte sich sogleich in die Hausfrauenarbeit. Ich hörte mir seinen deutschen Song noch einmal ganz an und verabschiedete mich dann, nicht ohne ihn wegen des beschissenen Zustands seines Vorgartens anzuzicken. Er dankte und überreichte mir, noch leicht beschwipst, eine Locke seines Brusthaars, dessen er sich so schnell wie möglich entledigen würde.

In fünf Minuten wird Ralf den Flieger sicher im Schloßgarten landen und ich werde als Erstes einen geeigneten Platz für meine Hasselhofflocke suchen. Vermutlich wird sie einen Ehrenplatz auf dem hölzernen Kaminsims finden, gleich neben dem Weisheitszahn von Jennifer Lopez, bei der ich in ein paar Tagen zum Geburtstag eingeladen bin.



 
     
 

 

Jennifer Lopez und der Arsch der Welt – Teil 1

 

Was für eine Wohltat, drei Tage nur für sich gehabt zu haben. Ralf hat Pebbles und Britney zurück in die Vereinigten Staaten geflogen, während ich mich in meinem Freizeitpark erholen konnte. Ich hatte meinen engsten Freundeskreis eingeladen, ein wenig Zeit mit mir zu verbringen. Günther war da. Er war von seiner Frau beurlaubt worden und hatte die Erlaubnis, bei mir übernachten zu dürfen. Wir hatten einen Heidenspaß, denn meine dreißig Mann Parkpersonal lasen uns jeden Wunsch von den Lippen ab. Das Highlight war, als wir die Bimmelbahn gekapert haben. Günther hatte das Steuer übernommen und verlor die Kontrolle über das Fahrzeug. Nach einigen hundert Metern des hysterischen Kreischens, landeten wir schließlich in der Zuckerwattebude. Eine riesige Schweinerei, aber herrlich.
Günther blieb noch zwei weitere Tage, die wir uns mit Golf, Tischtennis und Carmen-Elektra-Stuhl-Aerobic versüßten. Als er schließlich wieder zu seiner Frau zurück mußte, konnten wir die Tränen nicht zurückhalten und mußten von meinem Sicherheitspersonal getrennt werden.

Gestern holte mich dann der Alltag wieder ein. Zu meiner Erleichterung wartete ein angenehmes Pflichprogramm auf mich. Jennifer Lopez feierte ihren 39. Geburtstag. Ich hatte schon vor Wochen eine Einladung bekommen, in der ich gebeten wurde, alleine zu erscheinen und einen Schlafsack mitzubringen. Die Sache mit dem Schlafsack machte mich ein wenig stutzig, aber ich kam der Bitte gerne nach.
So flogen Ralf und ich also wieder über den großen Teich. Wir steuerten Pasadena an, wo Jenny vor sechs Jahren ein kubanisches Restaurant mit Namen „Madre's" eröffnet hat. Dort sollte die Feier stattfinden.
Um Punkt fünfzehn Uhr Ortszeit betrat ich des Etablissement. Es wirkte verdammt leer. Als ich den Laden sondierte, entdeckte ich einen Tisch, der mit vier Damen besetzt war, die ich als Jennies Schwestern Lynda und Leslie, ihre Mutter und J-Lo herself identifizieren konnte.
Mit meinem Schlafsack unterm Arm steuerte ich sofort die Theke an, da ich Zeit gewinnen mußte, um die Situation verstehen lernen zu können. Ich bestellte mir ein Glas Milch und lotete die Möglichkeiten aus. Dort saß der weibliche Lopez-Clan um einen Tisch mit fünf Meissner-Porzellan-Gedecken herum und entweder erhofften sich alle vier Damen, daß ich sie von ihren Alltagsproblemen erlöse – dann käme eine Menge Arbeit auf mich zu – oder ich hatte einen Sonderstatus inne, von dem ich noch nichts wußte. Ersteres hielt ich für wahrscheinlicher.
Ich leerte das Glas in einem Zug, der mich schnurstracks nach Mexiko transportierte, wo ich mir Arbeit auf einer Tequilaplantage suchte und bis an mein Lebensende glücklich mit Arantxa Sánchez-Vicario Tennis spielen werde.
Nein, Quatsch. Ich trank die Milch auf Ex und stolzierte so würdevoll wie möglich in Richtung des Kaffeetisches. Jennifer erhob sich langsam von ihrem Stuhl und begrüßte mich mit Küsschen auf die Wange. Während ich daraufhin von den restlichen Damen zur Begrüßung gedrückt wurde, hatte ich Schwierigkeiten, meine Augen von Jennies Gesäß abzuwenden. Es war wirklich prächtig. Als ich sie das erste Mal traf, waren wir beide gerade gleichzeitig im Winterurlaub in St. Moritz. Ich fuhr mit meinem Schlitten an dem Baum vorbei, in den Jennifer sich verbissen hatte. Von ihren Skiern war weit und breit nichts zu sehen. Ich leitete umgehend Erste-Hilfe-Maßnahmen ein und konnte einen Großteil ihrer Zähne retten, wofür sie sich dann in unserem regen Briefverkehr immer wieder bedankte. Auf jeden Fall kam ihr Arsch in einem Schneeanzug überhaupt nicht zur Geltung.
Jetzt prankte er direkt vor mir. Sofort verwandelte sich der Po in meinem Geiste in einen Geldkoffer, der die dreihundertvierzig Millionen Dollar beinhaltete, mit denen sie ihn versichert hatte. Der teuerste Arsch der Welt. Zum Greifen nah. Ich kam mir ein bißchen vor, wie Gollum aus ‚Herr der Ringe', der den Ring vor sich liegen sieht. Zumindest mußten meine Augen auf Gollumgröße angeschwollen sein.
Schließlich erinnerte ich mich meiner ärztlichen Keuschheitspflicht und reihte mich brav in das Kaffeekränzchen ein. Nachdem Jenny die zweiunddreißig Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen beim ersten Versuch ausgepustet hatte, überreichte ich ihr mein Geschenk. Ein handsigniertes Exemplar dieses Buches. Sie bedankte sich überschwenglich und fiel mir um den Hals, wobei ich leicht absichtlich mit der rechten Hand an ihrem Arsch entlang strich.
Kurze Zeit später hatte ich mich mit den Lopez-Sisters angewärmt und gab meine Günther-Geschichte zum Besten, die für große Erheiterung sorgte. Besonders bei Mama Lopez, mit der ich im weiteren Verlauf des Tages noch Brüderschaft trinken sollte. Ihr Vorname ist Guadelupe.
Als die Kaffeetafel beendet war, schlug Jennifer vor, einen kleinen Spaziergang über die umliegenden Hinterhöfe zu machen. Auf meine Frage, ob ich meinen Schlafsack mitnehmen solle, erhielt ich ein striktes Nein von Guadelupe und wir machten uns auf den Weg. Die Sonne stand bereits auf halbacht und wir warfen lange Schatten auf den Gehsteig. Wenn sich der perfekte Sonnenstrahlwinkel einstellte, nahm Jennies Schattenarsch abnorme Formen an. Ein beeindruckendes Schauspiel, das ich so unauffällig wie möglich mitverfolgte.

Wir erreichten nach einiger Zeit eine kleine Kirche, die wohl so etwas, wie eine Sehenswürdigkeit in Pasadena darstellt. Also führten die Damen mich hinein, um mir auch den Innenbereich des Gotteshauses näherbringen zu können und nachdem sie mir bei jeder der ungefähr achtundvierzig Marienstatuen erklärten, daß es sich dabei um die Jungfrau Maria handelte, die doch schon vom rein ästhetischen Gesichtspunkt her, jedem Buddha oder Allah vorzuziehen wäre, kamen wir vor einem Beichtstuhl zum Stillstand. Da traf es mich wie ein Blitz und ich begriff, weshalb ich die große Ehre hatte, als einziger Mensch der Welt, mit dem Lopez-Quartett Jennifers Geburtstag zu feiern. Wie sich später herausstellte, hatte Guadelupe ihren Töchtern einen psychoanalytischen Gesprächstermin mit mir geschenkt, den sie nun anlässlich der J-Lo-Feierlichkeiten umgesetzt wissen wollte. Ich war reingelegt worden. Und Mama Lopez hatte sich auch noch den bürokratischen Weg über die Krankenkasse gespart. Geschickt eingefädelt.



 
     
 

 

Jennifer Lopez und der Arsch der Welt – Teil 2

 

Ich warf Guadelupe einen bösen Blick zu, der sich aber schnell in das charmante Lächeln des guten Verlierers verwandelte. Ich liebe Herausforderungen und irgendwann würde der Tag kommen, an dem es mir vergönnt war, Rache zu üben. Mama schien meine Gedanken lesen zu können und zwinkerte mir sportlich zu.
Um ehrlich zu sein, war ich wirklich gespannt, welche Art von Sorgen den Lopez-Schwestern zu schaffen machten. Ich gab vor, fünf Minuten der Einsamkeit in Anspruch nehmen zu müssen, damit ich mich menthal vorbereiten könne, um meine volle Leistungsfähigkeit zu erreichen. Stattdessen verkrümelte ich mich in den Beichtstuhl und durchstöberte die umfangreiche Promi-Datenbank in meinem Filofax.
Wie ich in Erfahrung bringen konnte, hatten alle drei Schwestern bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr eine katholische Mädchenschule besucht, was grundsätzlich zu sozialem Fehlverhalten und Minderwertigkeitskomplexen führen kann. Jennifer hatte in ihrem frühen Erwachsenenleben als Rechtsanwaltsgehilfin und in diversen Nachtclubs als Tänzerin gearbeitet. Eine pikante Mischung. Ausserdem führte ich mir einige Fakten bezüglich ihres Modelabels und ihrer Parfümfabrikation zu Gemüte. Bei Lynda und Leslie konnte ich mich auf keine weiteren Informationen berufen - sie waren einfach nicht prominent genug.

Leslie Lopez war die erste, die ich in das hölzerne Beichtkabuff einlud. Ich prophezeite mir selbst, daß sie über Neidgedanken und innerfamiliäre Zurückweisung sprechen wollte, weil sie im Gegensatz zu Lynda, ihrer berühmten Schwester Jennifer in keinster Weise ähnlich sah. Doch, wie jedes Wochenende in Gelsenkirchen, hatte ich auch hier auf das falsche Pferd gesetzt. Sie hatte lediglich spätpubertäre Beziehungsproblemchen, die ich mit einigen Standardratschlägen aus der freudschen Hausapotheke bereinigen konnte.
Lynda hingegen war ein wirklich kniffliger Fall. Sie überraschte mich mit verbalsexueller Direktheit und machte mir anbiedernde Komplimente für mein Erscheinungsbild. Ich spürte, wie ich leicht errötete, schaffte es aber in professioneller Manier, das Gesprächsthema wieder auf psychologische Bahnen zu lenken. Als sie zu erzählen begann, bekam ihre Stimme plötzlich einen sehr ernsten Unterton. Lynda litt nach eigener Aussage schon als Kind unter regelmäßig wiederkehrenden Alpträumen, die sie auch im Wachzustand heimsuchten. Anfangs waren es Träume, in denen sie sich selbst der Sonne opfern mußte. Nach geraumer Zeit waren die Träume detaillierter geworden und sie konnte genaue Ortsangaben bezüglich der Opferstelle machen. So schlich Lynda in ihren Alpträumen immer wieder durch eine alte mexikanische Ruinenstadt mit dem poetischen Namen 'Teotihuacán', was übersetzt soviel heißt, wie "Platz, an dem Götter geboren werden". Inzwischen war sie mit der Gottheit Quetzacoatl verheiratet und sah sich selbst als Reinkarnation der Azteken.
Ich hätte sofort an eine massive Form von Größenwahn gedacht, wenn ich nicht seit ungefähr zwei Jahren unter dem gleichen Problem leiden würde. Allerdings kann ich mich darauf berufen, die Wiedergeburt der Inkas zu sein, was ich Lynda aber in diesem Moment verschwieg. Ich beließ es dabei, ihr die Adresse einer von mir sehr geschätzten Selbsthilfegruppe in Manhatten zu geben und verwies auf eine CD mit qualitativ hochwertiger Panflötenmusik, die auch ich mir in einsamen Stunden zu Ohren kommen lasse. Im Gegensatz zum größten Teil meiner Mitmenschen mache ich innerliche Luftsprünge, wenn ich in der Essener Fußgängerzone eine Gruppe kindsgroßer Indios sehe, die auf ihren Balsaholzinstrumenten musizieren. Außerdem erleichtern mir die beiden Lamas, die in meinem Schloßgarten ein ausgesprochen angenehmes Dasein fristen, das Leben ungemein.
Lynda bedankte sich bei mir mit zitternder Stimme und gab den Beichtstuhl für ihre Schwester Jennifer frei.

Der große Moment war nun also gekommen. J-Lo sollte sich mir auf intimster Ebene offenbaren. Sie platzierte ihren Prachtarsch auf dem kleinen Holzschemel und ich konnte durch die Holzmaschen, die mir einen schemenhaften Blick auf meinen Gesprächspartner ermöglichten, erkennen, wie sie mit gesenktem Kopf in sich ging. Sie sprach mich mit 'Vater' an, was mich im ersten Moment ein wenig irritierte, ich mir aber damit erklären konnte, daß sie eine relativ routinierte Beichterin zu sein schien. Sie übermittelte mir auf sehr sachliche Art und Weise ihren Lebenslauf, indem sie von frühen Kindheitserinnerungen, unglücklichen pubertären Liebschaften und schwer zu verdauenden Niederlagen auf semiprofessioneller Schulsportebene berichtete. Ausserdem kamen von mir nicht vermutete Leidenschaften in Sachen Lebensmitteltechnik zutage. Was mich allerdings wirklich wunderte, war, daß sie in allen ihren Ausführungen nicht ein einziges Mal die Worte 'Arsch' oder 'Po' benutzte. Sie schien ihr gottgegebenes Sitzfleisch vollkommen zu ignorieren. Ich wollte es mir eigentlich verkneifen, sie jemals auf eben jenen Körperteil anzusprechen – ähnlich ging es mir mit Pe Werner, bei der ich es vermied, die Begriffe 'Kribbeln', 'Bauch' und 'Brausestäbchen' zu verwenden -, doch jetzt sah ich keine andere Möglichkeit, als Jenny mit ihrem eigenen Arsch zu konfrontieren.
Sie war offensichtlich ein wenig schockiert, ob meiner Direktheit, schien sich dann aber etwas zu entspannen und begann, die Menschen aus ihrem Bekanntenkreis zu denunzieren. Sie beklagte, daß jeder, mit dem sie in Kontakt käme, regelrecht von ihrem Arsch vereinnahmt würde, daß aber niemand das Gespräch über ihn suche. Sie beschrieb, wie sie manchmal alleine in ihrem Badezimmer stünde, um sich stundenlang den Po zu streicheln und ihn mit Absolutismen wie 'Arsch der Welt' oder 'Gezeitenarsch' zu betiteln. Sie verfluchte ihre Mitmenschen als Arschlöcher, Arschnasen und Arschfolikel. Sie keifte sich geradezu in Rage und ich hatte das Gefühl, noch nie jemanden erlebt zu haben, der in der Lage war, innerhalb von wenigen Sätzen so oft den Ausdruck 'Arsch' zu benutzen. Ich fühlte mich nach einer Weile angestachelt und es begann eine äußerst angeregte Diskussion über alle Arschratten und Dreckärsche dieser Welt. Es wurde für Jennifer, wie für mich, zu einer ultimativen seelischen Befreiung, die allerdings jäh unterbrochen wurde, als der für die Kirche zuständige Pfarrer uns wegen Gotteslästerung des Gebäudes verwies. Auf dem Weg nach draußen beschimpfte er uns als Atheistenärsche, wobei auch er nicht in der Lage war, seinen Blick von Jennifers Hinterteil zu lösen.

Als die Lopez-Damen und ich wieder das "Madre's" erreichten, waren wir alle in äußerst ausgelassener Stimmung. Die Schwestern waren glücklich, sich von ihren psychologischen Problemen befreit zu sehen und Mama Lopez betrachtete mich geradezu als Heiland, was ich aber dadurch regulieren konnte, daß ich mit ihr, wie schon erwähnt, Brüderschaft trank.
Man begleitete mich noch zum Flughafen, wo ich feierlich verabschiedet werden sollte. Speziell Jennifer bedachte ich mit den Worten: "Mach's gut, du Arsch.", was bei ihr ein strahlendes Lächeln hervorrief und ich hatte auch den Eindruck, eine kleine Träne des Glücks aus ihrem Auge kullern zu sehen.
Als Ralf dann den Jet startete und wir uns in die Lüfte erhoben, saß ich noch lange winkend am Fenster und auch das Lopez-Quartett schien erst von mir lassen zu können, als mein Flieger wie eine Sternschnuppe am Nachthimmel von Pasadena verglühte.

Ralf und ich flogen nicht, wie gewohnt, zurück zu meinem Schloß, sondern nahmen den direkten Weg nach Las Vegas, wo wir jetzt Tequila schlürfend auf der Dachterrasse des Hotels "The Mirage" sitzen und uns auf den morgigen Tag freuen, an dem wir mit Siegfried und Roy verabredet sind.
Ich mußte gerade lachen, weil mir auffiel, daß ich meinen Schlafsack im "Madre's" vergessen habe. Ein Verlust, den ich angesichts der 'Präsidenten-Suite', in der ich gleich nächtigen werde, durchaus verkraften kann.



 
     
 

 

Siegfried und Roy - Lauwarme Magie

 

Das 'The Mirage' in Las Vegas ist vielleicht nicht das beste Hotel, in dem ich bislang untergebracht wurde, aber es hat qualitativ sehr hochwertige Betten – und darauf kommt es an. Ich hatte herrlich geschlafen.
Als ich um sieben Uhr dreißig in der Frühe meine Schlafbrille abnahm, stand auch schon mein engagierter Pilot Ralf mit der angerührten Avocado-Gesichtsmaske bereit, die er mir sogleich mit aller Akribie auftrug. Zusätzlich zum umfangreichen Frühstück hatte ich Justin Timberlake aufs Zimmer kommen lassen, der mir leise aus der aktuellen Tageszeitung vorsang. Einen gewissen Standard möchte ich auch wahren, wenn ich mich ausserhäusig aufhalte.
Ich war einigermaßen aufgeregt, denn ich würde heute Siegfried und Roy wiedersehen. Es gibt nicht mehr viele erstklassige Prominente, mit denen ich mich unbeschwert unterhalten kann, weil sie nun wirklich überhaupt keine Probleme haben. Vor einem Jahr hatte ich die beiden davon überzeugen können, sich in aller Öffentlichkeit zu ihrer Homosexualität zu bekennen. Seitdem hatte ich keine Klagen mehr gehört.

Pünktlich um zehn verließen Ralf und ich den Hotelfahrstuhl auf Höhe der Foyerebene, wo der Welt berühmtestes Magierpärchen schon zur Begrüßung bereit stand. Siegfrieds obligatorisches Perlweiß-Lächeln war mal wieder der absolute Blickfänger. Roy hingegen sah etwas angefressen aus, was ich aber dem tragischen Arbeitsunfall zuschrieb, dem er vor geraumer Zeit zum Opfer gefallen war.
Wir nahmen uns nicht in den Arm, sondern schubberten die Brüste aneinander. Ein Begrüßungsritual, das wir von einem leider bereits ausgestorbenen Indianerstamm übernommen hatten. Der große Manitu habe ihn selig. Ralf beschränkte sich auf Händeschütteln. Er ist, was zwischenmännliche Berührungen angeht, etwas zurückhaltend.
Nachdem ich in zwei, drei knappen Sätzen von den Geburtstagsfeierlichkeiten mit Jennifer Lopez berichtet hatte, denen ich tags zuvor beiwohnen durfte, machten wir uns auf den Weg in ein Lokal, das auf Roys Beliebtheitsskala zur Zeit ganz oben stand. Es handelte sich um ein kleines österreichisches Café mit dem vielsagenden Namen 'Wolfsschanze'. Ich war mir nicht im Klaren darüber, ob man sich hierzulande bewußt war, mit welcher Historie eine solche Betitelung in Verbindung zu setzen ist, vermied es aber, irgendwelche Fragen zu stellen. Roy war als großer Tierliebhaber einfach auf den Namen abgefahren und zeigte sich begeistert von den ausgestopften deutschen Schäferhunden, die das Interieur bestimmten. Während wir das Lokal betraten, erzählte er, daß er als Kind einen Wolfshund mit Namen 'Hexe' sein Eigen nennen durfte. Ich nickte gespielt beeindruckt, ersparte mir aber jeglichen Kommentar.

Wir ließen uns an einen Tisch für vier Personen führen und vertieften uns sofort in die tarnfarbenen Speisekarten. Die Zauberer entschieden sich beide für das kleine Göring-Frühstück, während ich mich mit einer Schale Erdbeerbowle zufrieden gab. Ralf hatte scheinbar großen Appetit, denn er bestellte sich, etwas übertrieben artikulierend die Masuren-Platte, die eigentlich für mehrere Personen gedacht war. Ich wurde umgehend mit meiner Bowle versorgt, die der schnauzbärtige Kellner äußerst diszipliniert vor mir platzierte.

Ralf ist im Übrigen großer Bewunderer der magischen Künste, weil er nicht in der Lage ist, die Spiegeltricks zu durchschauen, die verwendet werden, wenn zum Beispiel eine Dame zersägt wird. Illusion an sich stellt für ihn eine unüberwindbare intellektuelle Hürde dar.
Durch seine Begeisterung hatte er sich in den Wartephasen, die für ihn entstanden, während ich meine Promi-Sprechstunden absolvierte, einige Kartentricks angeeignet, die er Siggi und Roy jetzt unbedingt vorführen wollte. Leider waren seine Hände vor Aufregung schwer verschwitzt und die Karten glitten ihm nicht, wie gewollt, unbeschwert durch die Finger, sondern landeten in meiner Erdbeerbowle oder auf Siegfrieds Schoß, der die Mißgeschicke mit einem breiten Grinsen bedachte. Roy kratzte sich mittlerweile Schlaf aus seinem leicht eiternden rechten Auge, was Ralf aber nicht bemerkte. Er war zu fokussiert.

Nachdem auch meine Tischkameraden mit ihren bestellten Speisen versorgt worden waren, begannen meine magischen Freunde über ihre derzeitige Situation und ihre Zukunftspläne zu plaudern, wobei sich Siggi als Wortführer herauskristallisierte. Er gab preis, daß sie an einem Comeback arbeiteten, daß im folgenden Jahr die Welt erschüttern sollte. Der tigerliche Liebesbeweis, den Roy über sich hatte ergehen lassen müssen, führte immerhin zu einer bis dato fünfjährigen Bühnenabstinenz. Ich deutete mütterliche Bedenken an und bat darum, den Ball flach zu halten und nichts zu übertreiben.
Ralf konnte sich nicht an dem Gespräch beteiligen, weil er in seine eigene Welt versunken und damit beschäftigt war, die Masuren strategisch möglichst blitzartig einzunehmen.

Gegen Mittag verließen wir die 'Wolfsschanze', um den weißen Tigern einen Besuch abzustatten. Der sogenannte 'Secret Garden', der außerdem weiße Löwen, schwarze Panther, Schneeleoparden und die von mir heißgeliebten Lamas beherbergt, setzte bei mir ungeahnte Sehnsüchte frei und ich beschloß, demnächst alles Nötige in die Wege zu leiten, um den Safaripark Stuckenbrock in meinen Schloßgarten verlegen zu lassen.
Vor dem Tigergehege stehend hatte ich den Eindruck, daß Roy von leichtem Stirnschweiß heimgesucht wurde und ich machte mir erneut Sorgen bezüglich eines Zaubercomebacks. Siegfried hingegen erzählte vergnügt Geschichten von den zahlreichen Tierpflegern, die durch die Raubkatzen in den Frührentenstatus versetzt worden waren. Ralf und ich amüsierten uns köstlich, während Roy immer blasser wurde. So kam es denn auch, daß er leichte Schwindelgefühle anmeldete und Siggi darum bat, ihn auf sein Zimmer zu bringen.
Ich war natürlich enttäuscht, daß unser Treffen einen so frühzeitigen Abschluß fand, zeigte mich aber durchaus verständnisvoll. Siegfried und ich schubberten erneut quiekend unsere Brüste aneinander, Roy jedoch bedachte ich nur mit einem aufmunternden Kuß auf die Stirn und wünschte ihm gute Besserung. Als ich so dastand und die beiden Arm in Arm davonschlendern sah, fragte ich mich, ob sie ihre Beziehung wirklich vor zehn Jahren beendet hatten, oder ob noch immer eine lauwarme Magie zwischen den beiden Ausnahmekünstlern bestand.

Ralf und ich jedenfalls verweilten noch ein Stündchen im Tierpark der Hotelanlage, bevor wir uns auf den Weg zum Flughafen machten. Er beklagte sich über leichte Bauchschmerzen und wir beschlossen, uns vor dem Abflug noch einen magenberuhigenden 'Jägermeister' in der 'Wolfsschanze' zu gönnen.
Während des Heimfluges verfiel ich einem angenehmen Schlaf, der jedoch von meinem klingelnden Mobiltelefon unsanft unterbrochen wurde. Ich hatte große Mühe, die Dame und ihre heulend vorgebrachten Probleme zu identifizieren, konnte aber nach einiger Zeit feststellen, daß es sich um Victoria Beckham handelte, die scheinbar einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte und sofortiger Hilfe bedurfte. Zu meinem Bedauern mußte ich sie auf den folgenden Tag vertrösten, da ich für den Abend schon einen Termin mit meinem Architekten ausgemacht hatte. Ich wollte meine Stuckenbrock-Pläne so schnell wie möglich umsetzen.



 
     
 

 

Victoria Beckham und die Stelzen des Schreckens

 

Auch wenn ich einen lustigen Abend mit meinem Architekten Alfred verbrachte, war ich etwas enttäuscht. Er machte meinen Plänen, den Safaripark Stuckenbrock in meinen Schloßgarten zu verlegen, einen gnadenlosen Strich durch die Rechnung. Zwar würden die Platzverhältnisse kein Problem darstellen, allerdings wäre es rein geographisch notwendig, meine Landebahn anzukratzen. Das konnte ich mir schon rein beruflich nicht leisten. Wir verständigten uns darauf, das Verkehrsministerium anzusprechen, um eine Magnetschwebebahn zwischen meinem Schloß und Stuckenbrock in Angriff zu nehmen und verspeisten einen Fasan. Daß ich im anschließenden Yenga-Match einen ausgebildeten Statiker schlagen konnte, verbesserte meine Laune beträchtlich.
Alfred berichtete mir noch von seinem Vorhaben, den Kölner Dom in Originalgröße im pakistanischen Rawalpinidi, in der Nähe von Islamabad nachzubilden. Ich hielt das für eine absolute Schnapsidee, aber er war der festen Überzeugung, daß es zur Völkerverständigung beitragen würde, wenn man den Pakistanis ein Stück westlicher Kultur nahebringe. Ich machte den Vorschlag, es erstmal mit einem Replikat der Berliner Mauer zu versuchen, was eventuell sogar zum Nachdenken über die politische Lage in Pakistan anregen könnte. Er versprach mir, sich meinen Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen und wir schlossen den Abend, indem wir uns in meinen Kinosaal zurückzogen und seinen Lieblingsfilm schauten. Dabei handelte es sich um ein polnisches Machwerk, mit dem Titel 'Horizontale Landschaft', in welchem es um eine Großbaustelle geht, auf der sich die Arbeiter um eine junge Verkäuferin und eine gespendete finnische Sauna streiten oder so. Ich erlag nach dem ersten Drittel einem schweren Schlummer. Nachdem Alfred mich am Ende des Films völlig aufgekratzt geweckt hatte, verabschiedeten wir uns mit der Aussicht auf baldigen Kontakt, bezüglich der geplanten Direktverbindung zum Safaripark.
Ich durchdachte noch schnell die Reise, die mich am folgenden Tag in Richtung des Beckhamschen Landsitzes in den Vereinigten Staaten befördern sollte und legte mich dann auf mein Salzwasserbett, um eine traumlose Nacht zu verbringen.

Als ich am nächsten Morgen in meinem Geschäftsflugzeug der Marke 'Gulfstream IV SP' saß und mich mit den Lebensumständen von Victoria Beckham vertraut machte, fiel mir auf, daß wir bisher kaum Gelegenheit hatten, uns wirklich näher kennenzulernen. Das einzige Mal, daß das ehemalige Spice-Girl und ich uns persönlich gesprochen hatten, war während ihrer Hochzeitsfeierlichkeiten auf Schloss Luttrellstown in Irland, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Das ist mittlerweile neun Jahre her. Zwischendurch gab es ein Treffen mit David, bei dem er Rat und Hilfe wegen seines Fauxpas in Sachen Seitensprung suchte. Davon wußte Vicky allerdings nichts.
Ich arbeitete verschiedene Möglichkeiten aus, die als Ursache für Victorias Nervenzusammenbruch in Frage kommen konnten. Am plausibelsten erschien mir eine posttraumatische Belastungsstörung, die als Reaktion auf ihre Wahl zur am schlechtesten gekleideten Frau 2007 eingetreten sein könnte.
Ein Zitat aus der 'Vanity Fair' ließ mich weiterhin schlußfolgern, daß die Dame ein ausgeprägtes Talent hatte, sich selbst zu belügen. Hierbei gab sie zu verstehen: „Ich bin nicht materialistisch veranlagt…" Ich begriff, daß ich bei 'Posh Spice' auf alles gefasst sein mußte.

Am späten Vormittag landete Ralf den Flieger sicher auf dem Long Beach Airport in Los Angeles. Ich wurde von Vickys Chauffeur abgeholt, der mir äußerst förmlich die Tür des frisch polierten Maybachs aufhielt. Wir fuhren den Ocean Boulevard entlang, und ich konnte aus dem Fenster schauend, Bridget Fonda erkennen, die gerade dabei war, einen Hot-Dog-Verkäufer zu verprügeln. Ich mochte sie in 'Singles' von Cameron Crowe, aber auch der Sekundenschlaf mit Robert de Niro in 'Jackie Brown' hatte mich sehr amüsiert.

Da ich mich in Los Angeles nicht wirklich auskenne, fiel mir erst sehr spät auf, daß wir uns nicht auf dem Weg zum Anwesen der Beckhams befanden, sondern geradewegs den Rodeo Drive in Beverly Hills ansteuerten. Auf meine Frage, wo er gedenke, mich hinzufahren, erwiderte der Chauffeur, daß er die Anweisung bekommen habe, mich vor dem 'The Rodeo Collection', einem der teuersten Einkaufszentren der Welt, abzusetzen. Alles Weitere würde sich dort ergeben.
Ich lehnte mich etwas überrascht und ratlos auf der Büffellederrückbank zurück und mußte mir eingestehen, keine andere Wahl zu haben, als mich den kommenden Geschehnissen hilflos zu ergeben.

Als wir vor dem Konsumtempel, der aus fünf Verkaufsebenen besteht, die sich ober- und unterhalb der Erde befinden, anhielten, hatte ich ernsthafte Schwierigkeiten, meinen Augen zu trauen. Vor der monumentalen Tür, die den Eingangsbereich kennzeichnet, hatte sich eine zahllose Gruppe von Fotografen versammelt, die mich, nachdem ich aus dem Maybach gestiegen war, mit einem donnernden Blitzlichtgewitter bedachten. Ich war für mehrere Sekunden erblindet. Meine kurzzeitige Sehbehinderung schien auch dem Portier des 'Rodeo Collection' nicht verborgen geblieben zu sein, denn er ergriff eine meiner herumirrenden Hände, um mich ins Innere des Shopping-Centers zu führen. Ich bekam unverhofften Einblick in das Innenleben von Stevie Wonder, worauf ich eigentlich nicht im Geringsten scharf gewesen war.

Während sich mein Augenlicht langsam aufraffte, wieder normale Leistungsstärke zu erreichen, konnte ich vor mir ein schwach beleuchtetes Café erkennen, das von einer Hundertschaft Sicherheitspersonal gesäumt wurde. Durch die Frontscheibe sah ich, daß sich ein einzelner Gast in diesem Lokal befand. Es handelte sich um eine Sonnenbrille mit Frau drum rum. Victoria Beckham, die gerade dabei war, eine zwölfte Lage Lippenstift auf die frisch geschminkten Lippen aufzutragen. Sie trug wieder einen dieser aufdringlich kurzen Miniröcke, und ich hatte ungehinderten Ausblick auf ihre verknöcherten Beine. Sofort sah ich sie als zwanzig Meter hohe Monsterknochenfrau durch New York stacksen, die alles vernichtete, was sich ihren Drei-Meter-High-Heels in den Weg stellte. Die 'Stelzen des Schreckens'. Ich schämte mich etwas für meine bösartigen Gedanken, konnte sie aber ohne Weiteres vor mir rechtfertigen. Durch diese Paparazzi-Nummer hatte ich einen tierischen Hals, und der victorianische Körper schien tatsächlich völlig fleischlos zu sein.

Ich mußte mich etwas widerwillig an ihren Tisch bequemen, und nachdem sie mich mit einem hauchenden „Hello, Darling" begrüßt hatte, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich vergaß meine guten Sitten und schrie sie an, was ihr denn einfiele, mich so einer geifernden und schaumspuckenden Fotografenmeute auszuliefern. Ich machte ihr eine Szene, die sich gewaschen hatte und bedachte sie, wenn ich mich recht entsinne, auch mit Ausdrücken, wie 'Blöde Kuh' oder 'Schranzenbacke'. Das Ganze natürlich unter den Linsenaugen der unzähligen Kameras. Das mit romantischem Kerzenlicht beleuchtete Café hatte sich inzwischen in eine Disco mit Stroboskoplicht verwandelt. Vickys unter Epilepsie leidender Sohn hätte ernsthafte Schwierigkeiten bekommen.

Sie zeigte sich von meinem Ausraster in keinster Weise beeindruckt und versicherte mir, nichts mit der Anwesenheit dieser Paparazzi zu tun zu haben, und daß sie selber überrascht sei, welche Aufmerksamkeit man einem unbedeutenden Seelenklempner wie mir zuteil werden ließ. Ich mußte schwer schlucken, angesichts dieser niveaulosen und obendrein noch schlecht gelogenen Äußerungen. Ich sah dieses sonnenbebrillte Klappgestell förmlich vor mir, wie sie am Tag zuvor einen Nervenzusammenbruch simulierte, mich heulend anrief und damit in ihre Fangarme lockte, um mich dann mit ihren Knochententakeln auf alle Titelblätter dieser Welt zu katapultieren. Vermutlich fühlte sie sich einfach von David vernachlässigt und buhlte mit meinem Konterfei um dessen Aufmerksamkeit. Ich fühlte mich derart ausgenutzt.

Um meiner inneren Unzufriedenheit ein Ventil zu öffnen, sah ich mich gezwungen, ihr die überdimensionale Sonnenbrille mit einer schallenden Ohrfeige aus dem Gesicht zu fegen. Als ich daraufhin in ihre rehbraunen Augen schauen konnte, verwandelten diese sich in überlaufende Salzseen und ihre Zwölf-Lagen-Lippen verzogen sich zu einer faltigen Fratze. Sie griff sich mit beiden Händen ans Dekolleté ihrer Bluse, riß sie auseinander, sodaß ihr blanker Busen zum Vorschein kam und schrie dabei einen ohrenbetäubenden Schrei, der die Linsen der Fotokameras zum Bersten brachte. Ich fiel mit meinem Kaffeehausstuhl nach hinten um und bekam leichte Angstzustände bei dem Anblick, der sich mir nun offenbarte. Victoria lief grün an und wuchs. Sie wuchs in die Höhe. Die Decke des Cafés wollte ihrem Wachstum Einhalt gebieten, doch auch sie mußte der unaufhaltsamen Vicky-Vergrößerung nachgeben. Wenige Momente später stand eine zwanzig Meter hohe Monsterknochenfrau inmitten des am Rodeo Drive gelegenen Einkaufszentrums. Das Posh-Spice-Ungeheuer warf mir noch einen bösen Blick zu und machte sich dann auf den Weg in Richtung New York, um alles, was sich ihr in den Weg stellte, mit den 'Stelzen des Schreckens' zu vernichten. Als sie Manhatten erreichte, pflückte sie die Freiheitsstatue vom Sockel und verschwand mit ihr im Atlantischen Ozean. Feierabend.

Natürlich habe ich Frau Beckham nicht geschlagen. Ich bin einfach aufgestanden und gegangen. Es gibt Dinge, die ich mir nun wirklich nicht antun muß. Als ich mich durch die Fotografen quetschte, war ich gezwungen, mich auf meinen inneren Kompaß zu verlassen, weil ich erneut einer temporären Blindheit erlag. Draußen rief ich mir ein Taxi, das mich zum Flughafen fahren sollte. Die Lust an Maybachschem Büffelleder war mir irgendwie vergangen.
Ich informierte Ralf per Telefon darüber, daß er sich früher als geplant bereithalten sollte, um uns in heimische Gefilde zu fliegen. Als ich ihm auf dem Rollfeld des Long Beach Airports gegenüberstand, hielt Ralf mir ein Telegramm entgegen, das am Flughafen für mich eingegangen war. Eine Nachricht von einem alten Freund, der scheinbar in großen Schwierigkeiten steckte. Ich war erleichtert, denn da es sich um einen deutschen Landsmann handelte, würde ich mich noch am gleichen Abend darum kümmern können. Wenn sich jemand hundertprozentig auf mich verlassen kann, dann ist es Franz Beckenbauer.



 
     
 

 

Franz Beckenbauer und die Klötenmafia

 

Gegen siebzehn Uhr dreißig setzte meine 'Gulfstream' unter Ralfs Kontrolle anmutig auf der Landebahn in meinem Schloßgarten auf. Ich hatte eine halbe Stunde Zeit, um mich ein wenig frisch zu machen und zog mich zu diesem Zwecke in meine Tiefkühlkombi zurück. Zwischen angebrochenen Nudelsoßengläsern und Schokomüllermilch kann ich am Besten abschalten. Danach behagte es mir, mein Outfit zu ändern, und ich entschied mich für meinen Trainingsanzug im 70er-Jahre-Design. Schließlich mußte ich mich gleich auf den Weg zu Franz Beckenbauer machen, und ich wußte, daß ihm diese Klamotte gefallen würde. Ich packte noch einen Pyjama, ein paar Schlüpfer zum Wechseln und Hygieneartikel in meine Adidas-Tasche, denn der Kaiser hatte mir angeboten, bei ihm zu nächtigen.
Auf dem Weg zum Hangar warf ich meinen Lamas noch lässig ein Stück Würfelzucker zu, und sie bedankten sich auf ihre Weise, indem sie zielsicher auf meine Scheitelnaht spuckten. Ich mußte an Frank Rijkaard und Rudi Völler und deren Austausch von Körperflüssigkeiten denken. Ich geriet in Fußballfieber.

Vor den Hangartoren stand schon der kleine Helikopter bereit, den ich für Inlandseinsätze benutze. Zum einen bin ich flexibler, weil ich zum Landen auf keinen Flughafen angewiesen bin und zum anderen ist es einfach cool, weil ich ihn alleine fliegen kann.
Ich setzte mich also ins Cockpit und stülpte mir meinen Airforce-Helm über. Als die Rotorblätter auf Höchstleistung arbeiteten und ich mich in die Lüfte erhob, mußte ich daran denken, wie Franz vor zwei Jahren fast jedes Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft live sehen konnte, indem er von Stadion zu Stadion helikopterte.

Sobald ich bayrisches Hoheitsgebiet erreicht hatte und über bewaldete und bergige Landschaften hinwegflog, erinnerte ich mich daran, wie ich schon als junger Psychologiestudent mit Onkel Beckenbauer über grüne Almwiesen spaziert war und wir uns gegenseitig die Lederpille zugeschoben haben. Immer schön mit Innenrist. Dabei erfuhr ich dann alles über seine neuesten Weibergeschichten. Ich habe in jener Zeit viel vom Franz gelernt.

Es dämmerte schon leicht, als ich im Garten eines Einfamilienwohnhauses im Münchner Umland landete. Der Franz hat hier noch einen kleinen Zufluchtsort, dessen Eigentümer sein Sohn Stefan ist. Seit 1982 ist dem Franz sein offizieller Wohnsitz in Österreich, weshalb ihm Neider Steuerflucht vorwerfen. Meiner Ansicht nach ist er da hingegangen, wo ein Kaiser hingehört. Ich entstieg also meinem Luftfahrzeug und konnte meinen Patienten schon durch die großen Terrassenfenster, auf der Couch liegend, erblicken. Er machte keine Anstalten mir begrüßend in die Arme zu laufen, sondern gab nur einen majestätischen Wink, der mir sagen sollte, daß die Terrassentür offen war.

Ich betrat das Wohnzimmer und wurde von pupsigem Mief überrascht. Meine Befreiung der Tür aus ihrem geschlossenen Zustand, mußte die erste Lüftungsaktion seit Tagen gewesen sein. Als nächtes fiel mir auf, daß der Franz nicht rasiert war. Ein Anblick, den man selten sieht. Ausserdem hatte er nichts weiter an, als ein Feinrippunterhemd und eine quietschgelbe Badehose, die seine Beine rosig wirken ließ. Die ganze Situation kam mir italienisch vor.

Meine geschulte Nase sagte mir, daß bei diesem Krankheitsfall mit psychologischen Mitteln nicht viel zu holen war. Hier war eine Trümmerfrau gefragt. Also packte ich den Franz unter seinen Achseln und schleifte ihn ins Badezimmer, um ihn dort umgehend aus dem Gerippten zu schälen. Dann nahm ich mir den kaiserlichen Gesichtsteppich vor. Es war eine Sisyphosarbeit, sich mit dem Rasiermesser durch die Furchen im Wangenbereich zu wühlen, aber der Franz war ein geduldiges Kind und hielt still. Mit der Zeit entwickelte ich eine gewisse Virtuosität im Umgang mit dem Rasierwerkzeug und kümmerte mich auch gleich noch um die Beine und den Rückenbereich.

Nachdem ich den Franz wieder in einen akzeptablen ästhetischen Zustand versetzt hatte, trug ich ihn in die Küche und setzte ihn auf die Eichenholzeckbank. Ich gab mir alle Mühe, aus den spärlichen Überbleibseln, die mir der Kühlschrank bot, ein zünftiges Abendbrot zu zimmern. Die Welt hatte seinen letzten echten Libero vollkommen vernachlässigt, und es lag an mir, ihn wieder aufzupäppeln. Während ich ihn fütterte, versuchte ich, ihn mit ein paar Fußballanekdoten zum Lächeln zu bringen, aber sein Blick blieb stoisch nach innen gerichtet.
Also berief ich mich auf einige gängige Kicker-Zitate: „Franz. Du darfst den Sand nicht in den Kopf stecken. Klar, wenn du Scheiße am Fuß hast, hast du Scheiße am Fuß – aber jede Seite hat zwei Medaillen." Diese Worte schienen ihn ein wenig aus seiner Lethargie zu befreien, und er drehte seinen Kaiserkopf in meine Richtung, um mir mit großen Augen zu sagen: „Klöten!"
Ich war verwirrt und fragte: „Klöten?"
Er bestätigte: „Ja. De hoam alle koane Klöten."

Ich hatte das Gefühl, daß der Franz jetzt bereit war, sich mir zu öffnen und so setzte ich ihn auf meinen Schoß, damit er mir seine Leiden übertragen konnte. Er mußte einige Jahre zurückschwenken und begann mit seiner damaligen Idee, die Fußball-Weltmeisterschaft nach Deutschland zu holen. Er sah sich selbst als den Gottgesandten, der dazu auserkoren war, dieses weltweit bedeutendste Sportereignis in deutsche Stadien zu stellen. Da der Franz aber nicht gut reden kann, mußte er sich auf seine Wirkung als 'Lichtgestalt' und auf seine finanziellen Mittel verlassen. Alles, was während seiner Mission auf die 'To-do-Liste' kam - seien es Geschäftsessen oder ein simpler Puffbesuch mit dem libyschen Sportminister - bezahlte der Kaiser aus seiner Privatschatulle.
Alle Funktionäre aus dem deutschen Sportbereich, ja, selbst die Politiker standen voll und ganz hinter dem Franz seinem Vorhaben und unterstützten ihn auf moralischer Ebene nach besten Kräften. Nur finanziell wollte sich niemand an der Beckenbauer-Mission beteiligen, sodaß der Franz bald monetentechnisch auf dem Trockenen saß.
Als dann alles so gut wie in feuchten Tüchern war und nur noch winzige zehn Millionen Euro fehlten, um die WM nach D zu holen, blieb dem Franz nichts weiter übrig, als sich an die italienische Fußballmafia zu wenden. Die waren auch gerne bereit, ihm unter die Arme zu greifen, stellten allerdings einige Bedingungen. So sollten die Brasilianer, wenn möglich, spätestens im Viertelfinale ausscheiden, und wenn Italien nicht Weltmeister würde, wäre der Franz so gut wie kastriert.
Da der Franz sehr an seinen Hoden hängt, hat er alles in italienischer Manier hinter sich gebracht. Als er dann aber merkte, wie schnell ein so galaktischer Initiator, wie er, nach einer famosen Weltmeisterschaft in Vergessenheit gerät, stürzte ihn das in eine schwere Depression. Jeder, den er auf die vielen Euros ansprach, die er ganz alleine in die Geschichte gepumpt hatte, schien überhaupt nicht zu wissen, wovon er redete. Zu allem Überfluss haben ihn die italienischen Mafiosi auch noch dazu verdonnert, sich mit Luca Toni rumschlagen zu müssen.

Ich war tief berührt von dem Franz seiner Geschichte und wußte, daß Worte nicht ausreichen würden, um ihn seelisch wieder herzustellen. Also nahm ich ihn lange in den Arm und trug ihn dann ins Schlafzimmer, wo wir uns in seine HSV-Bettwäsche mümmelten. Wir kuschelten einige Zeit in Löffelchen-Stellung, bis ich ihm leise ins Ohr hauchte: „Gute Freunde kann niemand trennen." Er antwortete flüsternd: „Schaun mer mal."

Beim morgendlichen Frühstück auf der Terrasse ging romantischerweise die Sonne auf und warf einen goldigen Glanz auf dem Franz seine Backen. Ich quetschte gerade die zweite Weißwurst aus ihrer Hülle, als mein Notfall-Handy mit der Stimme von Gianna Nannini klingelte. Ralf war dran. Er klang aufgeregt und wusste nicht, was er tun sollte, denn Michael Jackson saß in der Vorhalle meines Schlosses und hatte verweinte Augen. Ich war überrascht von diesem unerwarteten Besuch und überlegte, wie ich Ralf helfen könnte.
Ich riet ihm, Michi in mein Kino zu setzen und einen Disney-Klassiker einzulegen. Da ich schon Erfahrung mit Michael-Jackson-Krisen hatte, konnte ich ihm 'Dschungelbuch' empfehlen. Dabei erfüllten den Popstar immer Gefühle der Geborgen- und Verbundenheit. Das Lied von 'King Louie' konnte er fehlerlos mitsingen.
Ich wünschte Ralf gute Nerven und versprach, mich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen, um den Problemfall zu übernehmen.

Ich drückte Franz gegenüber mein Bedauern aus, daß ich das Frühstück so abrupt beenden musste, aber ich war der festen Überzeugung, ihn ruhigen Gewissens alleine lassen zu können. Er sah schon viel besser aus. Wir drückten uns lange, und der Franz lud mich zum nächsten Bayern-Heimspiel ein, was ich aber dankend ablehnte. Ich ging die paar Schritte zu meinem Helikopter, ohne mich nochmal umzusehen, bestieg das Cockpit, startete den Motor und entschwand in Richtung Essen.

Auf dem Flug zu meinem Schloß, als ich den kleinen Hubschrauber gerade durch die Frankfurter Skyline manövrierte, entsann ich mich eines Termins, der mich am Nachmittag erwartete. Klaus Wowereit hatte sich angekündigt, um eine Revanche für die letzte Minigolf-Schmach zu bekommen. Ich würde Ralf bitten, ihm abzusagen, weil ich den gesamten Tag für meinen Kumpel Michael Jackson zur Verfügung haben wollte.



 
     
 

 

Michael Jackson im Warzenwahn

 

Ich hatte noch den Franz im Kopf, als ich zum Soundtrack der hochstehenden Spätvormittagssonne mein Schloß betrat. Auf dem Weg zum Kinosaal, in dem höchstwahrscheinlich gerade Michael Jackson saß und sich am 'Dschungelbuch' ergötzte, kam ich an Ralfs Flugsimulator vorbei. Er steuerte einen virtuellen Zeppelin in aller Seelenruhe über Jordanien hinweg. Ich überlegte kurz, ob es sich dabei um ein ernstgemeintes Training für unsere Interkontinentalflüge handelte, konzentrierte mich dann aber auf Michi.
Und tatsächlich. Als ich ins Filmtheater schritt, konnte ich dort den Moonwalker in der ersten Reihe sitzen sehen. In der einen Hand hielt er eine mittelgroße Tüte Popcorn, in der anderen eine angebissene Banane. Die Augen waren gebannt auf die Leinwand gerichtet. Ich konnte erkennen, daß ich das Lied von 'King Louie' glücklicherweise verpasst hatte. Shir Khan lief schon mit der Fackel am Schwanz durchs Dickicht.
Ich setzte mich neben Michael und griff behände in die Popcorntüte. Das Lied des kleinen Mädchens, das die Schlußsequenz einleitete, sangen wir gemeinsam mit. „Vater ist im Walde jagen, Mutter kocht für uns daheim, und ich helfe Wasser tragen, bis ich größer werde sein." Uns beiden standen die Tränen in den Augen.
Nach dem Abspann, den wir entgegen den heutigen Gepflogenheiten komplett und andächtig mitverfolgten, nahmen Michi und ich uns in den Arm, wobei er mir die halbe Banane auf mein Sakko schmierte. Seine Schamesröte wischte ich mit einem lockeren „Kein Problem" hinfort.

Wir zogen uns in mein Behandlungszimmer zurück, und ich setzte eine Kanne Kaffee auf. Es bedarf einiger Übungsstunden, bis man in der Lage ist, eine gefüllte Thermoskanne auf dem Kopf zu balancieren, aber es fördert die Konzentration ungemein. Ich bat Michael, mir seine Problematik in möglichst wenigen Sätzen zu formulieren und justierte meine Augen in den 'Besorgter-Veterinär-Modus'.
Micky erzählte von einem Trauma, das ich schon zur Genüge kannte. Sein Ehrgeiz, sich durch operative Eingriffe zu einem Ebenbild seiner Schwester Janet zu machen, war der Welt nicht verborgen geblieben. Als dann beim achtunddreißigsten Superbowl im Jahre 2004, Justin Timberlake die rechte Brust von Janet Jackson offenlegte, brach in Michael ein unbändiger Nippelneid aus. Ich hatte damals in zahllosen Sitzungen versucht, seine Neidgedanken zu eliminieren, mußte mich aber irgendwann geschlagen geben. Auch Anfragen bei den angesehensten plastischen Chirurgen, brachten keinen Erfolg. Niemand wollte sich an Michaels Nippeln vergehen.
Nun war es also wieder ausgebrochen. Das Nippeltrauma. Ich wußte, daß ich diesen Warzenwahn nur durch anspruchsvolle Ablenkung vertreiben konnte. Zwar nicht für immer, aber wenigstens würde ich wieder einige Monate Ruhe haben.

Ich entschloß mich, mit Michael durch Essen zu spazieren. Auch wenn er hin und wieder auf meinem Schloß zugegen war, so wußte Michi von der Stadt, die mein Schloß beherbergt, noch gar nichts. Ich war mir sicher, daß diese neuen Eindrücke ihm das Tittenthema aus dem Kopf zaubern würden.
Ich dachte, daß es ein angenehmer Anfang wäre, die Rüttenscheider Straße entlang zu flanieren. Wir konnten uns frei bewegen, weil niemand damit rechnete, vor seiner Stammbäckerei Michael Jackson zu begegnen. Ausserdem hatte ich mir meine Lionel-Richie-Maske aufgesetzt, sodaß man uns zwar für bekloppt hielt, aber nicht für die, die wir waren.
Wir guckten im REWE vorbei, wo wir uns künstlich darüber aufregten, daß es kein 'Ed v. Schleck' mehr gab, zeigten uns dann aber mit einem 'Magnum Mandel' auf Michaels und einem 'Magnum Weiß' auf meiner Seite zufrieden. Vor dem Verlassen des Supermarktes bestückten wir das schwarze Kundenbrett noch mit einem Zettel, auf dem Michi seine Dienste als Putzkraft feilbot. Die dazugehörige Telefonnummer war natürlich frei erfunden. Dann kehrten wir lachend und Eis beißend auf die Straße zurück.
Im 'Café Overbeck' trafen wir Otto Rehhagel, der sich über meine Richie-Maskerade wunderte und mich etwas verwirrt mit 'Harry Belafonte' ansprach. Ich konnte ihn dadurch zur Weißglut bringen, daß ich ihn Michael die Abseitsregel erklären ließ. Dieser hatte aber noch nicht mal den blassesten Schimmer, von welcher Sportart der Otto überhaupt redete. Als wir den griechischen Europameister im altehrwürdigen Café zurückließen, warf der uns noch eine abfällige Bemerkung über Neger hinterher, worüber wir aber nur lachen konnten.

Gegen vierzehn Uhr erreichten wir den Stadtpark, wo wir uns einen Spaß daraus machten, den Boccia spielenden Rentnern die Kunststoffkugeln wegzukicken. Michi verstauchte sich dabei den großen Zeh seines rechten Fußes, was dann doch eher zur Belustigung der ergrauten Renter beitrug. Ich begutachtete die Sportverletzung meines Kameraden und besänftigte ihn, indem ich behauptete, daß es schlimmer aussähe, als es eigentlich sei. Ich pustete väterlich gegen den verbogenen Zeh, und nach einer Minute waren die ersten Tränen versiegt. Insgeheim wollte ich vermeiden, den Popstar ins Klinikum bringen zu müssen, weil das nur unnötiges Aufsehen hervorgerufen hätte. Ich beschloß, ihn am Abend in meiner schloßeigenen Praxis zu verarzten.
Auf dem Weg in Richtung Essener Innenstadt mußte ich den humpelnden Michi stützen, wodurch wir wahrscheinlich einen noch bekloppteren Anblick boten. Da fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, Ralf wegen Klaus Wowereit Bescheid zu sagen. Der saß sicherlich schon in meinem Schloß und wartete heißblütig auf seine Minigolf-Revanche. Ich stellte Michael Jackson an einer Litfaßsäule ab und wählte Ralfs Handynummer. Dieser hatte sich bereits um Klaus gekümmert und das gleiche Prinzip angewandt, daß auch bei Michi Wirkung gezeigt hatte. Der Berliner Bürgermeister saß in meinem Kino und vergoß Tränen bei 'Brokeback Mountain'. Ich bat Ralf, den Klaus irgendwie bis zum Abendbrot zu beschäftigen und klemmte mir Michael wieder unter den Arm.
In der Essener City konnte ich meinem Kumpan eine riesige Freude machen, als ich im Untergeschoß des 'Kaufhof', am Münzkopierer, mein blankes Gesäß zu Papier brachte. Über das, mir daraufhin erteilte Hausverbot, konnte ich nur müde lächeln, weil mir der Laden sowieso gehört.
Zu unser beider Begeisterung gab es bei 'Nanu Nana', mit Glasperlen bestickte Stoffbilderrahmen im Angebot. Ich machte mich sofort daran, meine Arschkopie im passenden Rahmen gebührend zur Geltung zu bringen, und schon hatte Michi eine wunderbare Erinnerung an den heutigen Tag.

Ich machte Michael darauf aufmerksam, daß sich der kleine Zeiger seiner Micky-Maus-Armbanduhr der Abendbrotmarke näherte und wir uns langsam auf den Weg Richtung Schloß machen mußten. Auf dem Marsch zum Taxistand am Bahnhof bekam sein Humpeln einen intensiveren Unterton.
Die Taxifahrt wurde zu einem Desaster, weil Jacko dachte, daß es lustig sei, wenn er seinen Nasen-Trick anwenden würde. Hierbei pflückte er sich sein Riechorgan aus dem Gesicht und ließ es absichtlich in den Schoß des Taxifahrers fallen. Unser Chauffeur zeigte eine nur allzu menschliche Reaktion und steuerte seinen Wagen geradewegs in das 'Otto von Bismarck'-Denkmal, auf dem nach ihm benannten Platz. Der Reichskanzler außer Dienst wurde dadurch in leichte Schieflage versetzt, und ich konnte eine gewisse Genervtheit nicht verbergen.

Als wir mit einem Ersatztaxi schließlich mein Schloß erreichten, war Ralf gerade dabei, Klaus Wowereit eine Flugstunde im Simulator zu verabreichen. Auf meine Frage, wie sich der Klaus als Flugkünstler denn so mache, verdrehte Ralf nur die Augen. Wowi hatte es auch im achtundvierzigsten Versuch noch nicht geschafft, seinen Flieger in die Lüfte abheben zu lassen, ohne vorher in der Begrenzungsmauer des virtuellen Flughafens zu verenden.
Ich ging in die Küche und befahl meinem Maître de Cuisine ein französisches Abendbrot in die Wege zu leiten. Danach legte ich Michael in meinem Arztraum eine übertrieben große Fußschiene an.
Beim Essen im Schloßgarten, das ich neben meinem 'Liza Minelli'-Springbrunnen arrangiert hatte, gab Klaus noch einige Anekdötchen aus der Berliner Party-Szene zum Besten. Demnach hatte sich Angela Merkel kürzlich nach einer durchzechten Nacht vor der Friedenskirche übergeben müssen und es ihrem Begleiter Rolf Eden in die Schuhe geschoben. Der hatte sich von der glitschigen Einlegesohle nur wenig begeistert gezeigt.
Nachdem das Abendmahl mit einer Runde REWE-Prosecco einen genüsslichen Abschluß gefunden hatte, humpelte Michael mit Ralf zum Flughafen, um via Jet wieder nach Hause gebracht zu werden. Klaus bekam noch seine Minigolf-Revanche. Ganz professionell unter Flutlicht. Auch diesmal mußte er eine haushohe Niederlage hinnehmen, war aber keineswegs betrübt, sondern geradezu kindlich euphorisiert von dem angenehmen Tag, den er auf meinem Anwesen verbracht hatte. Ich verabschiedete ihn mit militärischen Ehren und zog mich in mein Büro zurück, damit ich den eingetretenen Moment der Einsamkeit geniessen konnte.

Als ich meine elektronische Post kontrollierte, war ich zutiefst überrascht, von wem ich da einen Hilferuf erhalten hatte. Martina Navratilova, die männliche Tennisgöttin, steckte nach eigenen Angaben in schier unlösbaren Schwierigkeiten, die sie nur mir anvertrauen wollte. Ich antwortete kurz und bündig, daß sie sich keine Sorgen machen solle. Ich würde am folgenden Tag sofort den Arztkoffer packen, um mich ihrer anzunehmen.



 
     
 

 

Martina Navratilova und die Metzgerpranke - Teil 1

 

Da ich mich mit meinen Patienten auf Augenhöhe unterhalten möchte, bin ich immer bemüht, schon den optischen Faktor zu berücksichtigen und wähle meine Garderobe sehr sorgfältig aus. Diesmal würde ich es mit einer ehemaligen Profi-Tennisspielerin zu tun haben, und somit war etwas Sportliches gefragt. Also hatte ich mir eine Balljungen-Uniform der US Open aus dem Jahre 1983 zukommen lassen. Martina war damals zum ersten Mal als Siegerin aus dem größten amerikanischen Tennisturnier hervorgegangen. Im selben Jahr hatte sie, bis auf die French Open, alles gewonnen, was die Damentenniswelt an Gewinnchancen aufbot. Das blaue Höschen drückte ein wenig im Schritt, aber die Schirmmütze passte perfekt.

Nachdem Martina mir die Tür geöffnet, wir uns förmlich die Hände geschüttelt und sie mir gesagt hatte, daß sie gerade noch dabei sei, das Mittagessen aus den McDonalds-Tüten zu pulen, hüpfte ich ins Wohnzimmer und schwang mich lässig in den Sessel ihrer Couchgarnitur.
Martina wirkte gespielt fröhlich und trug eines ihrer hässlichen Brillengestelle. Auf meine dezente Frage, warum sie denn nicht ihre Kontaktlinsen trage, erwiderte sie, daß ihr die beim Heulen immer wegschwimmen würden. Das akzeptierte ich, ohne weiter darauf einzugehen.

Als Martina die Hamburger und die Fritten vor uns drapiert hatte, setzte sie sich auf's Sofa und stützte ihre Ellenbogen auf die Knie. Sie lächelte mich gequält an, und es verging eine viertel Stunde, ohne daß einer von uns etwas sagte oder aß.
Dann war meine Geduld am Ende, und ich ergriff meinen Hamburger, um ihn mir bis zum Anschlag in den Mund zu schieben. Ich ließ meine rechte Hand in die Pommes klatschen und stopfte mir die Höchstmenge an Kartoffelstäbchen zusätzlich ins Maul. Woraufhin ich mich, der Kieferstarre nahe, auf meinem Sessel zurücklehnte und die Arme verschränkte. Da ich Martina, der Dramaturgie folgend, als Nächstes hätte ansprechen müssen, aber nicht konnte, weil mir mein Mittagessen gehirngroß den Mund verkeilte, stellte ich ihr die Frage nach ihrem Befinden in Gebärdensprache.
Ich habe es mir nicht notiert, aber die Tennis-Ikone antwortete so etwas, wie: „Ich sehe die Felle davonschwimmen, die meine Zukunft waren. Jetzt sind sie meine Vergangenheit und verschmelzen mit dem Horizont. Der Abend sagt dem Tag gute Nacht und löscht den letzten Funken Hoffnung. Licht aus. Feierabend. Schicht im Schacht. Klappe zu, Affe tot. Finito. Buenas Noches und Good Bye." Das hörte sich für meine Ohren ein wenig deprimiert an.

Ich tippte auf Liebeskummer, traf damit voll in die Zwölf und lauschte ihren Ausführungen. Martina hatte während ihrer sagenumwobenen Karriere eine ganz spezielle Kontrahentin. Die Amerikanerin Chris Evert. Das Ganze war zu einem Politikum geworden, weil da eine waschechte Ami-Perle gegen eine damalige Tschechoslowakin spielte, die sich in den USA einbürgern lassen wollte und dort fünf Jahre lang als Asylantin mit einer Greencard lebte, bis sie 1980 endlich amerikanische Staatsbürgerin werden durfte. Insgesamt haben die beiden achtzig Matches gegeneinander ausgefochten, von denen Martina dreiundvierzig für sich entscheiden konnte.
Tina hatte 1991 in ihrer Autobiografie öffentlich gemacht, daß sie sich zum gleichgeschlechtlichen Ufer hingezogen fühlte. Als sie jetzt aber jene, schon erwähnte, Chris Evert zur Haupverantwortlichen ihrer unglücklichen Liebesgefühle machte, befiel mich eine unerwartete Verwunderung. Als dann noch zu Tage kam, daß die beiden nach ihrem ersten gemeinsamen Finalsieg im Damendoppel bei den French Open 1975 nicht nur die Siegesfeier, sondern auch die Siegesnacht miteinander verbracht hatten, verschluckte ich mich und spuckte mein mittlerweile durch Speichel verflüssigtes Mittagessen auf den gläsernen Couchtisch.
Martina, die seit diesem Doppel-Erfolg damit gepeinigt war, ihre Liebe zu Chris hinter ihrer maskulinen Fassade versteckt zu halten, flüchtete sich in kleinere, unbedeutende Liebschaften mit lesbischen US-Schauspielerinnen oder anderen Tennisspielerinnen, bei denen sie ihren überragenden sportlichen Einfluß geltend machen konnte.
Chris Evert hingegen, die sich nie zu ihrer eigentlichen sexuellen Neigung bekennen konnte, versuchte ihre Homosexualität dadurch zu verbergen, daß sie immer wieder Beziehungen mit Männern einging, die sie eigentlich gar nicht interessierten. Bezeichnenderweise waren das immer Sportler. Unter anderem befinden sich auf ihrer Liste die Tennisspieler Jimmy Connors und John Lloyd, der Skiläufer Andy Mill und der Profigolfer Greg Norman. Daß aus der Liaison mit Andy Mill drei Kinder hervorgingen, hatte nichts mit Liebe zu tun, sondern war eher aus der Not geboren.
Für Martina war es wie eine Befreiung, wenn sie in der Klatschpresse von Chris und ihren Scheidungen lesen konnte. Allerdings hatte ihre Angebetete die Angewohnheit, nach spätestens einem Jahr erneut zu heiraten, was die Hoffnungen auf Martinas Seite jedesmal im Keim erstickte.
Dieses ganze Gefühls-Hin-und-Her hatte dazu geführt, daß mein Gegenüber inzwischen wieder die tschechische Staatsbürgerschaft beantragt hatte und davon träumte, ihren Lebensabend in Afrika zu verbringen, um wilde Tiere anzugucken. Schwieriger Fall.

Ich hatte sofort den Eindruck, daß ich Martina persönlich nur peripher helfen konnte, indem ich ihr die obligatorischen Phrasen „Alles wird gut" und „Die Zeit wird's richten" vor den Latz knallte. Meine eigentliche Aufgabe mußte darin bestehen, Chris Evert zu finden und sie davon zu überzeugen, daß es unnatürlich sei, gegen ihre sexuellen Neigungen anzukämpfen – auch wenn eine Hingabe bedeutete, daß sie von da an unwiderruflich eine Lesbe wäre.
Ich ging also in die Küche, besorgte ein ‚Zewa-Wisch-Und-Weg', damit sich Martina die verheulte Nase putzen konnte und versprach ihr, mich sofort auf die Suche nach Chris zu machen. Die Sauerei, die meine zerkaute Hamburger-Pommes-Kombination in ihrem Wohnzimmer verursacht hatte, ignorierte ich völlig.

Ich hatte mich so leichtfertig dazu bereit erklärt, Chrissy aufzusuchen, weil ich wußte, daß sie, ebenso wie Martina, ihren Wohnsitz in Florida hat. Daß Chris aber an der Ostküste lebte, während ich mich gerade an der Westküste aufhielt, stellte mich vor ein Transportproblem.
Auf Ralf konnte ich in diesem Moment nicht zurückgreifen. Der hatte mich hier nur abgesetzt und war dann nach Las Vegas weitergeflogen, um Roy eine Karte mit besten Genesungswünschen von mir zu überreichen. Also entschloß ich mich, per Anhalter zu fahren. Durch mein Balljungen-Outfit rechnete ich mir gute Chancen aus, nicht allzu lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten zu müssen.
Ich machte einen kleinen Fußmarsch von Sarasota bis nach Bradenton, wo sich die Auffahrt zur Bundesstraße 70 befindet, auf der man über Arcadia und Okeechobee einmal quer durch Florida düsen kann.
Nachdem ich einen geeigneten Standplatz gefunden hatte, um meinen Daumen in den Wind zu halten, hielt erstmal kein einziges Auto. Es vergingen lange zwanzig Minuten, in denen ich gedanklich über Damentennis in Verbindung mit Menstruationsproblemen philosophieren konnte. Als meine innere Bilderwelt eine blutbesudelte Steffi Graf produzierte, die gerade dabei war, zum Aufschlag auszuholen, – wobei sie keinen Tennisschläger verwendete, sondern eine handelübliche Axt und anstatt eines Tennisballes, eine winzige Version meines Kopfes in die Luft warf – erklärte ich meine Phantasie für krank und meinen philosophischen Ansatz für vollkommen wertlos.
Endlich reduzierte ein blaugrauer Ford Mustang seine Geschwindigkeit und hielt zwanzig Meter von mir entfernt. Ich hopste in Richtung der bereits aufgestoßenen Beifahrertür und setzte mich erleichtert auf den abgenutzten Ledersitz. Nachdem ich dem netten Herrn klar gemacht hatte, wo ich hin wollte, ging die Fahrt auch schon los. Glücklicherweise war sein Ziel ebenfalls die östliche Küste Floridas. Ich konnte also davon ausgehen, in knapp vier Stunden in Boca Raton zu sein, wo ich hoffte, Chris Evert antreffen zu können.

Ich wollte meinem liebenswürdigen Fahrer gerade ein Kompliment für sein Gefährt machen, als mein Blick an der Rückspiegelbehängung haften blieb. Dort, wo normalerweise ein Wackel-Elvis hängen sollte, klackerte eine blutbesudelte Steffi Graf vor sich hin. Ich stutzte und fragte mich, ob ich diesen Fakt als ein Zeichen ansehen sollte. Bei näherer Betrachtung meines Fahrpartners, sah der auch gar nicht mehr so nett und liebenswürdig aus. Im Gegenteil. Sein leicht schütteres Haupthaar, das zu einem hilflosen Zopf zurückgebunden war und der Schnauzbart, der mit den viel zu langen Nasenhaaren verschmolz, machten einen etwas zweifelhaften Eindruck. Daß die rechte Augenbraue fehlte, ließ mich überlegen, ob ich mich vielleicht gar nicht in einer so glücklichen Position befand, wie ich anfangs dachte.
Ich fragte den Mann, was er denn so beruflich mache, und um meine aufkommende Furcht zu überspielen, klatschte ich dabei in die Hände. Er erklärte in aller Ruhe, daß er ausgebildeter Kindergärtner sei, aber nach diversen Beschwerden von Eltern, die ihn bezichtigt hatten, ihre Kinder sexuell genötigt zu haben, hatte er auf Metzger umgeschult. Mittlerweile war er Eigentümer mehrerer Fleischerfilialen, die im ganzen Land verstreut waren. Unter anderem gab es eine in Boca Raton. Ich nickte übertrieben lächelnd vor mich hin und klatschte weiter gespielt vergnügt in die Hände. Als er mir gestand, einen gewissen Fetisch für Balljungen-Outfits zu haben und dabei seine rechte Metzgerpranke auf mein linkes Knie legte, bekam ich leichtes Hodenschlottern.



 
     
 

 

Martina Navratilova und die Metzgerpranke - Teil 2

 

Da saß ich nun also. Eingepfercht in einen Metzgerwagen und gedanklich schon auf dem Weg zum Schlachthaus. Mein linkes Knie schien sich unter der verschwitzten Pranke meines Fahrers langsam aufzulösen. Ich dachte daran, wie eine Fliege ihre Nahrung mit Speichel zersetzt, um sie mit ihrem Strohhalmrüssel aufsaugen zu können. Meine Kniescheibe und ich hatten uns nie richtig kennengelernt, aber so etwas fällt einem immer erst auf, wenn es zu spät ist.

Der Mann mit den langen Nasenhaaren erzählte von seinen abenteuerlichen Erlebnissen mit diversen Trampern und redete sich dabei in einen Rausch. Ich gab mir alle Mühe, mich nicht zu tief in seine Geschichten hineinziehen zu lassen und lehnte meinen Kopf an die Scheibe der Beifahrertür. Die vorbeirauschende Landschaft erzeugte in mir ein Gefühl der Wehmut. Ich kam mir klein und nutzlos vor, und das Balljungen-Outfit engte mich ein. Ich vermißte Ralf.
Ich konnte aus dem einseitigen Gespräch heraushören, daß der Metzger sich den Spitznamen 'Butcher-Bill' verliehen hatte, was meine Angst auf ein Höchstmaß anwachsen ließ. Meine Überlegungen, wie ich mich aus dieser prekären Situation hinausmanövrieren könnte, endeten allesamt in einer Sackgasse. Endlich kam mir die glorreiche Idee, Harndrang zu haben, und ich bat, kurz anzuhalten, um austreten zu können. Meinem Wunsch wurde umgehend Folge geleistet, und ich verspürte ein Gefühl der Hoffnung und Erleichterung, als Butcher-Bill mir die Beifahrertür öffnete, um mich aussteigen zu lassen. Daß er mich in die Büsche begleiten würde, hatte ich nicht ahnen können. Ich bekam nicht die kleinste Gelegenheit, mich aus dem Staub zu machen, weil die Metzger-Pranke mich die ganze Zeit am Kragen gefangen hielt.

Zu meinem Bedauern mußte ich mal wieder feststellen, daß ich einfach nicht pinkeln kann, wenn jemand zuguckt. Bill schien das aber in keinster Weise zu stören. Er fand das irgendwie süß. Ich meditierte mich angestrengt auf eine einsame Insel, und nach zehn Minuten tröpfelte endlich ein Nußschale voll Urin aus meinem Pipimann. Bill lobte mich für mein Geschäft, schleppte mich zurück in den blaugrauen Ford Mustang und legte mir den Sicherheitsgurt an. Ich hatte den Eindruck, daß er langsam ein Vater-Sohn-Verhältnis aufbaute.
Als wir wieder die Route Seventy in Richtung Ostküste befuhren, war ich die verkörperte Resignation. Mein genialer Pinkelplan war fehlgeschlagen und im Sande verlaufen.

Es war bereits später Nachmittag, als wir Okeechobee erreichten. Okeechobee ist berühmt für seinen Okeechobee-Lake, von dem mir Billy auch sogleich begeistert berichtete. Er hatte sich vor Jahren einen Wohnwagen zugelegt, der seitdem auf dem Campingplatz des Okeechobeesees sein Dasein fristete. Bill fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihm Angeln zu gehen und nahm mein Nein für ein Ja.
Der Metzger zog mich halb rüde, halb zärtlich zu seiner mobilen Behausung, und ich dachte daran, wie nachlässig es von mir war, Martina mit meiner ausgespuckten Fast-Food-Mahlzeit zurückzulassen und wünschte mir, mich mit Chris Evert über lesbische Romantik zu unterhalten. Stattdessen saß ich nun in einem heruntergekommenen Wohnwagen, wurde von der Stimme Engelberts aus einem Transistorradio bedudelt und wartete, während Butcher-Bill seine Angelutensilien sortierte. Ich konnte nicht begreifen, daß es Gottes Wille sein sollte, mein Leben an einem See mit Namen 'Okeechobee' enden zu lassen.

Nachdem wir uns am Seeufer niedergelassen hatten, befahl mir Bill, meinen Angelhaken zu beködern und stellte mir eine Schale mit Maden zur Verfügung. Ich mußte unweigerlich würgen, als ich die erste Made über den Widerhaken stülpte und weißer Schleim auf meinen Daumen schlich. Weil ich meine Augen schließen mußte, um mich nicht mädchenhaft zu übergeben, stach ich mir den Haken natürlich zentimetertief in den Zeigefinger. Sofort liefen unkontrollierbare Tränen über meine Wange, und Bill machte sich umgehend daran, meine Wunde zu desinfizieren, indem er sich meinen Finger bis zum Anschlag in den Mund schob.

Jetzt war es nicht mehr aufzuhalten, und ich übergab mich kolossal in Bills Schoß. Ich schaute ihm in die Augen und meinte, dort gewisse Mordgelüste ablesen zu können. Aber Bill schien davon begeistert zu sein, daß ich so menschliche Reaktionen zeigen konnte und schloß mich fest in seine Arme. Ich machte es ihm gleich und drückte mich noch fester an seine Brust. Ein purer Akt der Verzweiflung. Ich weinte ihm Wasserflecken auf sein 'Iron Maiden'-T-Shirt und betete zu allen Göttern dieser Welt, daß sie mich gefälligst aus meiner Notlage erretten mögen.

Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit geheult und mich schon meinem Schicksal ergeben hatte, vernahm ich eine Stimme, die mir bekannt vorkam. Ich löste meinen Kopf von Billies Brust, wobei sein Shirt und meine Wange wie ein Klettverschluß auseinanderrissen und blickte mit verweinten Augen nach oben. Vor einem bereits dämmernden, geröteten Himmelshintergrund stand Sean Penn und fragte, ob wir Hilfe benötigten. Bills Stimmung schlug sofort in eine pitbullartige Aggression um, und er verneinte die Frage vehement. Ich hingegen sprang auf und fiel Sean kraftlos in die Arme. Ich hatte den Drang ihn zu küssen und sexuell über ihn herzufallen, konnte mich aber im Zaum halten. Auch Sean schien freudig überrascht, mich hier am Okeechobeesee anzutreffen und fragte lächelnd nach meinem Befinden.

Als ich gerade dabei war, mir eine Geschichte zurecht zu legen, die begreiflich machen konnte, daß Sean mich möglichst unauffällig aus meiner Lebensnot befreien sollte, sah ich, daß Bill bereits sein original finnisches Filiermesser im Anschlag hielt. Ich kreischte entsetzt auf und drückte mich an Sean, um so schnell wie möglich mit ihm zu verschmelzen. Ein Nervenzusammenbruch meinerseits war so gut wie unausweichlich. Herr Penn hingegen strahlte weiterhin eine fast unmenschliche Ruhe aus, schleuderte mich nach hinten und trat Bill mit einem gekonnten Tritt das Messer aus der Hand. Der guckte verdutzt und machte sich sofort daran, Sean mit den bloßen Fäusten zu bearbeiten. Ich saß mit meinen zu engen und zu kurzen Hosen im Gras und betrachtete die aufkeimende Keilerei.

Während Bill und Sean sich in einem ausgeglichenen Duell rücksichtslos verprügelten, bemerkte ich, wie sich der Schwimmer von Bills Angel hektisch im Wasser auf und ab bewegte. Also nahm ich die Rute zur Hand und setzte einen Anhieb, um den Haken in das Maul des Fisches einzutreiben. Da ich sofort erkannte, daß es sich um ein großes Exemplar handelte, war mir klar, daß ich den Fisch erstmal ermüden mußte. Der geübte Angler spricht hierbei von Drill. Das kann in hartnäckigen Fällen mehrere Stunden dauern, ich schaffte es jedoch in wenigen Minuten, den Fisch in Ufernähe zu schleppen. Als er zum ersten Mal aus dem Wasser schaute, konnte ich sehen, daß es sich um einen riesigen Wels handelte. Ich schätzte ihn auf knappe zweieinhalb Meter mit hundertfünfzig Kilogramm Gewicht, was mich verwunderte, da diese Größenordnung eigentlich nur in Osteuropa vorkommt. Nachdem ich den Wels an Land gezogen hatte, mußte er umgehend waidgerecht behandelt werden. Das hieß, daß ich ihn mit einem dumpfen Gegenstand betäuben und dann mit einem Herzstich töten mußte. Zu diesem Zwecke bemächtigte ich mich des Filiermessers, das unschuldig im Gras lag, schlug den Fisch aber, bevor ich ihn erstach, mit einem gezielten Handkantenschlag in die Bewußtlosigkeit. Ein enormer Vertreter seiner Spezies, der mir da in die Hände gefallen war.

Ich warf einen Blick auf Sean und Bill und befand, daß die beiden sehr gut ohne mich zurechtkommen würden. Also zog ich meinen Wels zu Bills blaugrauem Ford Mustang, legte ihn gekonnt auf die Rückbank und machte mich wieder auf den Weg Richtung Ostküste. Ich freute mich innerlich wie ein Schneekönig, als ich an die Augen dachte, die Chris Evert machen würde, wenn ich ihr diesen mächtigen Wels als Begrüßungsgeschenk vor die Nase hielte.

Als ich um zwei Uhr nachts Boca Raton erreichte, zog ich es vor, die Nacht in einem Hotel zu verbringen und Chris erst am nächsten Morgen mit meinem Besuch zu überraschen. Also legte ich mir den Fisch um die Schultern, betrat das Hilton und orderte ein Doppelzimmer für eine Nacht.
Ich überlegte, ob ich den Wels in der gefüllten Badewanne aufbewahren sollte, entschloß mich dann aber, ihn mit ins Bett zu nehmen. Während ich mich auf der Seite liegend am silbrigen Glanz und den beiden langen Bartfäden meines Bettnachbarn erfreute, fiel ich in einen angenehmen Schlaf. Ich träumte von einem einwöchigen Campingurlaub mit Sean Penn und wußte, daß ich mir keine Sorgen um ihn machen mußte.